2010: Im Jahr ihrer größten Erfolge erfährt die PV das härteste „Bashing“. Erstaunlich. Oder folgerichtig? Wenn Verunglimpfung nicht mehr genügt, muss man zu dummdreister Desinformation greifen. Und für 2011 gilt: Angreifen, wo es am meisten weh tut – im Geldbeutel. Also kündigen die Stromriesen mit tiefem Bedauern an, die „Belastungen aus der EEG-Umlage“ an die verehrte Kundschaft durchreichen und die Preise ein weiteres Mal um 1,5 Ct/kWh erhöhen zu müssen. Sekundiert werden sie von zahlreichen Medien. Die Welt am Sonntag (WamS) sieht im Artikel „Der Sonnenstrom macht Winterpause“ vom November 2010 die Kosten für die Photovoltaik als viel zu hoch an und bemängelt die unstete Einspeisung der erneuerbaren Energien. Weitere Medien ziehen mit den Strommonopolisten gleich und prangern den teuren Ökostrom als Grund für die neueste Preistreiberei an.
Immerhin, das ARD-Magazin Monitor hat diese Scharade in der Sendung vom 21. Oktober 2010 entlarvt. Fazit des Beitrags „Die Lüge vom teuren Ökostrom – Warum die Stromrechnung wirklich so hoch ist“: Die Stromkonzerne verbuchen die sinkenden Einkaufspreise an der Leipziger Strombörse als Zusatzgewinne, anstatt sie an den Kunden weiterzugeben. Und der Ökostrom? Der ist gar ein Faktor für die sinkenden Preise an der Börse, so Monitor. Der schwierige Begriff hierfür lautet Merit-Order-Effekt.
Genau das hätte obiger WamS-Autor sogar im eigenen Hause nachlesen können. DIE WELT nämlich druckte die Beschwerde des Präsidenten der Bundesnetzagentur, Matthias Kurth, ab: Der Versuch, die Ökostrom-Umlage an die Kunden weiterzureichen, „ist sachlich nicht gerechtfertigt“, schreibt er an den Beirat der Agentur. Denn immer mehr Strom aus erneuerbaren Energien wirke sich dämpfend auf die Großhandelspreise aus, „da sie sukzessive teure Kraftwerke aus dem Markt verdrängen“. Es gebe dadurch insgesamt sogar einen Spielraum für Preissenkungen (!) in einer Größenordnung von 3 Ct/kWh.
Doch wie setzt sich der Strompreis wirklich zusammen? Da die Stromanbieter hierzu keine klare Aufschlüsselung bieten, haben Bündnis 90/Die Grünen eine Untersuchung beauftragt, die zu drei klaren Aussagen kommt:
1) Über die letzten 5 Jahre betrachtet (2006 bis 2010) bleibt in den Preissteigerungen, die nicht auf Steuern und Abgaben zurückgehen, ein „unerklärlicher“ Rest von 1,1 Ct/kWh. Der ist somit nur als reine Margensteigerung zu verstehen.
2) „Die als Begründung genannte gestiegene EEG-Umlage kann durch ein bislang nicht weitergegebenes, erhebliches Preissenkungspotential vollständig kompensiert werden.“
3) „Durch die nicht nachvollziehbaren Preiserhöhungen zahlen die Verbraucher 2011 deutschlandweit rund zwei Milliarden EUR zuviel an die Stromversorger.
“Das ist ein ordentlicher Schluck aus der Pulle für die vier großen Stromversorger, die aus dem Rekordjahr 2010 einen Gesamtjahresgewinn von rund 30 Milliarden EUR mitgenommen haben – mehr als je zuvor.
Für den Blick auf die zurückliegenden 5 Jahre muss man wissen: Die Netzentgelte für den Transport von Strom sind seit 2006 um 1,5 Ct/kWh gesunken! Auch die Preise am Spotmarkt sind um 0,6 Ct gesunken! Steuern und Abgaben stiegen im selben Zeitraum um 2,1 Ct/kWh, hierin sind 1,2 Ct/kWh für das EEG bereits enthalten. Bleibt ein undurchsichtiger Sammelposten „Stromerzeugung, Transport und Vertrieb“ in dem sich Phantasiemargen trefflich verstecken lassen.
Hinter der Verdreifachung der Margen und weiteren Erhöhungen steckt aber – und das ist der springende Punkt – mehr als reine Gier: Künftig müssen PV-Anlagen bei voller Sonne vom Netz gehen, um den verlängerten Betrieb der Kernkraftwerke zu ermöglichen. Nach aktueller Gesetzeslage bezahlen Stromkunden den weggeworfenen Solarstrom ebenfalls, den Atomstrom sowieso. Doch so kann man das den Kunden kaum erklären. Erst wenn man die Preise treibt und mit dem Finger auf die Photovoltaik zeigt, stellt sich für AKW-Betreiber die optimale Situation ein: Sie lassen ihre nicht mehr benötigten Anlagen durchlaufen, die Kunden werden zweimal zur Kassen gebeten und schuld sind die Erneuerbaren.
Die Zusammenhänge sind komplex, die Wahrheit aber ganz schlicht. Einer der sie ausspricht ist Prof. Dr.-Ing. Volker Quaschning von der Hochschule für Technik und Wirtschaft, Berlin: „Die Gegner der Solarenergie werden 2011 massiv auf die Kostenkarte setzen und das Schreckgespenst horrender Energiepreise an die Wand malen.“ Dabei würde sich selbst bei völligem Stopp der Photovoltaik ab 2012 an den Strompreisen nicht einmal viel ändern: Die Kosten für bestehende Anlagen bleiben gleich und durch den massiven Vergütungsabbau fallen neue kaum ins Gewicht. „Insofern dürfte die Kostendiskussion ein Scheingefecht sein, um letztendlich die Laufzeitverlängerung argumentativ zu verteidigen.“ So einfach ist das.

